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Kennzeichnung von Keramikkondensatoren

Aufdrucke auf Keramik-Scheiben entschlüsseln, Klasse-1- und Klasse-2-Codes wie C0G, U2J und X7R lesen und die Bestellnummer eines unbeschrifteten MLCC verstehen.

6 Min. LesezeitKeramikkondensator KennzeichnungKerko Aufdruck104C0G

Ein kleiner orangefarbener Scheibenkondensator trägt „104“, ein blauer Tropfen „471K 1kV“, ein brauner SMD-Chip gar nichts. Wie die Grundregeln – dreistelliger Zahlencode in Pikofarad, Toleranzbuchstaben, Spannungscodes wie 1H oder 2A – funktionieren, steht unter Kennzeichnung von Kondensatoren. Lies dort zuerst nach. Dieser Artikel geht für Keramikkondensatoren weiter: Er zeigt die typischen Aufdruckmuster bedrahteter Keramik, entschlüsselt die Temperaturcodes beider Klassen vollständig und erklärt, woher du bei einem SMD-Chip ohne Aufdruck den Wert bekommst. Was hinter den Klassen steckt, erklärt Keramikkondensator.

Aufdrucke auf bedrahteter Keramik

Auf Scheiben- und Vielschicht-Kondensatoren mit Drähten findest du meist eine oder zwei Zeilen. Die erste nennt die Kapazität, oft mit angehängtem Toleranzbuchstaben, die zweite die Spannung oder eine Sicherheitsklasse. Typische Muster:

AufdruckBedeutung
10410 · 10⁴ pF = 100 nF
2222 pF (zwei Ziffern: direkt in pF)
4n74,7 nF, der Vorsatz steht an der Kommastelle
n470,47 nF = 470 pF
471K 1kV470 pF, ±10 %, Nennspannung 1 kV
103Z10 nF, −20 / +80 % (typisch für Klasse-2-Scheiben)
222M Y2 300V~2,2 nF, ±20 %, Sicherheitsklasse Y2 für 300 V Wechselspannung

Steht keine Spannung auf einer kleinen Scheibe, ist sie meist für 50 V ausgelegt, häufig auch für 100 V. Verlassen kannst du dich darauf nicht; im Zweifel ersetzt du sie durch einen Typ mit bekannter, ausreichender Spannung. Ausprobieren am Labornetzteil, bis der Kondensator durchschlägt, ist keine Messmethode – danach ist er hinüber.

Drei Keramikkondensatoren mit den Aufdrucken 104, 4n7 und 471K 1kV, darunter jeweils der entschlüsselte Wert
Drei häufige Aufdruckmuster: Zahlencode, Vorsatz als Komma und Code mit Toleranz und Spannung.

Ältere Klasse-1-Scheiben tragen oft zusätzlich einen farbigen Punkt oder eine farbige Kappe. Diese Farbe kodiert den Temperaturkoeffizienten, etwa Schwarz für NP0. Die Zuordnung ist nicht bei allen Herstellern gleich – im Zweifel gilt das Datenblatt.

Temperaturcodes der Klasse 1 entschlüsseln

Der Code für Klasse-1-Keramik besteht nach EIA ebenfalls aus drei Zeichen, aber mit anderer Bedeutung als bei Klasse 2: Der erste Buchstabe gibt die Ziffern des Temperaturkoeffizienten an, die Zahl einen Multiplikator mit Vorzeichen, der letzte Buchstabe die Toleranz in ppm/K.

1. ZeichenZiffern2. ZeichenMultiplikator3. ZeichenToleranz
C0,00−1G±30 ppm/K
M1,01−10H±60 ppm/K
P1,52−100J±120 ppm/K
R2,23−1000K±250 ppm/K
S3,35+1L±500 ppm/K
U7,57+100M±1000 ppm/K

So ergibt C0G einen Koeffizienten von 0,0 · (−1) = 0 ppm/K mit ±30 ppm/K – das ist der Werkstoff, den die alte IEC-Bezeichnung NP0 („negativ-positiv null“) nennt. U2J bedeutet 7,5 · (−100) = −750 ppm/K ±120 ppm/K, nach IEC N750. M7G wäre 1,0 · (+100) = +100 ppm/K ±30 ppm/K, also P100.

Der Code C0G in drei Felder zerlegt: C für 0,0, 0 für Multiplikator −1, G für Toleranz ±30 ppm/K, Ergebnis 0 ± 30 ppm/K
C0G zeichenweise gelesen: 0,0 mal −1 ergibt 0 ppm/K, G steht für ±30 ppm/K.

Temperaturcodes der Klasse 2

Die Klasse-2-Codes wie X7R kennst du schon; hier der vollständige Schlüssel:

1. Zeichenuntere Temperatur2. Zeichenobere Temperatur3. ZeichenKapazitätsänderung
X−55 °C4+65 °CP±10 %
Y−30 °C5+85 °CR±15 %
Z+10 °C6+105 °CS±22 %
7+125 °CT+22 / −33 %
8+150 °CU+22 / −56 %
V+22 / −82 %

X8R hält also ±15 % von −55 °C bis +150 °C und eignet sich für den Motorraum, Z5U erlaubt +22 / −56 % zwischen +10 °C und +85 °C. Japanische Normen (JIS) verwenden eigene Codes wie B (ähnlich X7R) oder F (ähnlich Y5V). Wichtig: Der Code beschreibt nur die Temperatur. Den Kapazitätsverlust unter Gleichspannung (siehe MLCC) enthält er nicht.

SMD-Chips: Bestellnummer statt Aufdruck

MLCC-Chips tragen fast nie einen Aufdruck; die Keramik verträgt keine Farbe und der Platz fehlt. Alle Daten stecken in der Bestellnummer auf der Rolle oder in der Stückliste. Die Hersteller haben eigene Schemata, folgen aber demselben Muster. Ein Beispiel von Murata:

Die Bestellnummer GRM188R71H104KA93D in Abschnitte zerlegt: GRM Serie, 18 Baugröße 0603, 8 Höhe 0,8 mm, R7 Dielektrikum X7R, 1H Nennspannung 50 V, 104 Kapazität 100 nF, K Toleranz ±10 %, A93 Ausführung, D Verpackung
So zerfällt eine typische MLCC-Bestellnummer in Bauform, Dielektrikum, Spannung, Wert und Toleranz.
  • GRM – Serie (Standard-Chipkondensator)
  • 18 – Baugröße 1608 metrisch, also 0603 in Zoll
  • 8 – Höhe 0,8 mm
  • R7 – Dielektrikum X7R (R6 wäre X5R, 5C wäre C0G)
  • 1H – 50 V nach dem Spannungscode aus Kennzeichnung von Kondensatoren
  • 104 – 100 nF im gewohnten Zahlencode
  • K – ±10 %
  • A93 – herstellerinterne Ausführung, D – Verpackung (Rolle)

Andere Hersteller ordnen anders. Bei Samsung heißt ein vergleichbarer Chip etwa CL10B104KB8NNNC: CL für MLCC, 10 für 0603, B für X7R, dann 104 und K, das zweite B für 50 V. Steht keine Rolle mehr zur Verfügung, bleibt nur das Messen der Kapazität – Dielektrikum und Spannung bekommst du so allerdings nicht heraus.

Der EIA-Zweizeichencode

Einige größere Chips und Tantal-Bauteile tragen einen Code aus Buchstabe und Ziffer (nach EIA-198). Der Buchstabe steht für die zwei Ziffern aus der E24-Reihe, die Zahl für die Zehnerpotenz in Pikofarad:

BuchstabeACEGJLNQSUWY
Wert1,01,21,51,82,22,73,33,94,75,66,88,2

Dazwischen liegen die übrigen E24-Werte (B = 1,1, D = 1,3 und so weiter; I und O fehlen). „S3“ sind also 4,7 · 10³ pF = 4,7 nF, „A5“ sind 1,0 · 10⁵ pF = 100 nF. Ein vorangestellter weiterer Buchstabe ist oft das Herstellerkürzel. Leider verwenden einzelne Hersteller den Buchstaben auch ohne Ziffer und meinen dann Mikrofarad – ein Blick in das Datenblatt der Serie klärt das.

Praxistipps

  • Bestellnummer mitführen: Notiere in der Stückliste immer die vollständige Bestellnummer, nicht nur „100n“. Zwei Chips mit 100 nF können sich in Spannung, Dielektrikum und Baugröße unterscheiden.
  • Reste beschriften: Lose MLCCs ohne Rolle sind praktisch wertlos. Kleb Gurtabschnitte in ein beschriftetes Heft.
  • Farbe nicht überbewerten: Hellbeige Chips sind oft C0G, braune oft X7R – eine Regel ist das nicht.
  • Unklare Aufdrucke: Bei Werten wie „220“ oder „47“ hilft die Größe des Bauteils als Plausibilitätsprüfung; ein dicker Scheibenkondensator für 50 V hat eher Nanofarad als Pikofarad.

Selbsttest

Was bedeutet der Aufdruck „471K 1kV“?

47 · 10¹ pF = 470 pF, ±10 %, Nennspannung 1 kV.

Welchen Temperaturkoeffizienten hat ein Kondensator mit dem Code U2J?

7,5 · (−100) = −750 ppm/K mit ±120 ppm/K (alte Bezeichnung N750).

Was sagt der Code X8R aus?

Die Kapazität ändert sich zwischen −55 °C und +150 °C um höchstens ±15 %.

In einer Murata-Bestellnummer steht „R6“ und „0J“. Was heißt das?

Dielektrikum X5R und Nennspannung 6,3 V.

Welche Kapazität hat ein Chip mit dem EIA-Code „J4“?

2,2 · 10⁴ pF = 22 nF.