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Wechselspannung und Wechselstrom messen

Effektivwert, Spitzenwert und Spitze-Spitze richtig messen – warum nur True-RMS-Geräte bei Nicht-Sinus stimmen und was die Stromzange leistet.

5 Min. LesezeitWechselspannungEffektivwertTrue RMSSpitzenwert

Bei Gleichspannung gibt es genau einen Messwert. Bei Wechselspannung ändert sich der Augenblickswert ständig – also musst du entscheiden, welchen Wert du eigentlich wissen willst: den höchsten Ausschlag, den Abstand zwischen Minimum und Maximum oder den Wert, der so viel Wärme erzeugt wie eine gleich große Gleichspannung. Ein Multimeter im AC-Bereich zeigt fast immer Letzteres, den Effektivwert – aber nicht jedes Gerät ermittelt ihn richtig.

Welche Werte es gibt

Sinusspannung mit Spitzenwert, Spitze-Spitze-Wert und Effektivwert
Kennwerte einer Sinusspannung: Spitzenwert, Spitze-Spitze-Wert und Effektivwert.
  • Spitzenwert Û (Scheitelwert, Amplitude): der größte Augenblickswert, gemessen von der Nulllinie.

  • Spitze-Spitze-Wert Uss: Abstand zwischen positivem und negativem Scheitel. Beim symmetrischen Sinus ist er 2 · Û. Am Oszilloskop liest du ihn am einfachsten ab.

  • Effektivwert Ueff (englisch RMS, root mean square): die Gleichspannung, die in einem Widerstand dieselbe Leistung umsetzen würde. Alle Netz- und Leistungsangaben beziehen sich darauf.

  • Gleichrichtwert Ugl: der Mittelwert der gleichgerichteten Spannung, also der Betragsmittelwert.

  • Arithmetischer Mittelwert UAV: der gewöhnliche zeitliche Mittelwert mit Vorzeichen. Er ist nichts anderes als der Gleichanteil; bei einer reinen Wechselspannung ist er null.

Für eine reine Sinusform gelten feste Verhältnisse:

Ueff = Û√2 ≈ 0,707 · Û Ugl = 2π · Û ≈ 0,637 · Û
Sinusspannung und vollweggleichgerichtete Spannung mit eingezeichnetem Gleichrichtwert
Der Gleichrichtwert ist der Mittelwert der gleichgerichteten Spannung – beim Sinus rund 63,7 % des Scheitelwerts.

Mittelwertbildend oder True RMS?

Den Effektivwert direkt zu berechnen, erfordert Quadrieren, Mitteln und Wurzelziehen. Einfache Messgeräte sparen sich das: Sie richten die Spannung gleich, bilden den Gleichrichtwert und multiplizieren ihn mit dem Formfaktor des Sinus:

F = UeffUgl = π2 · √2 ≈ 1,11

Solange wirklich ein Sinus anliegt, stimmt die Anzeige. Bei jeder anderen Kurvenform ist der Formfaktor ein anderer – und das Gerät liegt daneben, oft um 10 bis 40 %. True-RMS-Geräte rechnen den Effektivwert dagegen aus den abgetasteten Augenblickswerten wirklich aus und messen auch Rechteck, Dreieck oder Phasenanschnitt korrekt, solange der Scheitelfaktor nicht zu groß wird.

Rechteckspannung ±10 V und zwei Multimeteranzeigen mit 11,1 V und 10,0 V
Dasselbe ±10-V-Rechteck: Das mittelwertbildende Gerät rechnet mit dem Sinus-Formfaktor und zeigt 11,1 V, das True-RMS-Gerät die richtigen 10,0 V.

Der Scheitelfaktor (Crest-Faktor) Û / Ueff beträgt beim Sinus √2 ≈ 1,41. Der Eingangsstrom eines Schaltnetzteils oder einer Dimmerlampe kann Werte von 3 und mehr erreichen. Im Datenblatt deines Multimeters steht, bis zu welchem Crest-Faktor es spezifiziert ist.

Frequenzbereich und Gleichanteil

Jedes Multimeter misst Wechselgrößen nur in einem bestimmten Frequenzbereich, oft 40 Hz bis 1 kHz, bei besseren Geräten bis 100 kHz. Darüber sinkt die Anzeige, ohne dass das Gerät warnt. Eine 20-kHz-PWM liegt bei einem einfachen Gerät also weit außerhalb seiner Spezifikation.

Außerdem trennen viele Geräte im AC-Bereich den Gleichanteil über einen Kondensator ab und zeigen nur den Effektivwert des Wechselanteils. Liegt einer Spannung ein Gleichanteil zugrunde – etwa eine Brummspannung auf 12 V –, erfasst du so nur die Brummspannung. Manche Geräte bieten zusätzlich „AC+DC“; der Gesamteffektivwert ist dann:

Ueff = √(UDC2 + UAC2)

Was der DC-Bereich bei Mischspannung zeigt

Legst du eine pulsierende Spannung an den DC-Bereich, zeigt ein Messgerät mit Drehspulmesswerk den arithmetischen Mittelwert: Die träge Spule kann den schnellen Änderungen nicht folgen und stellt sich auf den Durchschnitt ein. Digitale Geräte filtern im DC-Bereich ebenso. Bei einer Rechteckspannung, die für die Impulsdauer ti den Wert Û hat und sonst 0 V, ist das:

UAV = Û · tiT

Auch analoge Instrumente im AC-Bereich messen intern nur einen Mittelwert, nämlich den Gleichrichtwert. Ihre Skala ist aber mit dem 1,11-fachen beschriftet, sodass sie beim Sinus den Effektivwert anzeigt – mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Wechselstrom messen

Strom misst du wie bei Gleichstrom in Reihe – im passenden AC-Bereich und an der richtigen Buchse (mehr dazu in Strom messen). Bei höheren Strömen oder wenn du den Stromkreis nicht auftrennen kannst, ist die Stromzange praktischer:

  • Eine AC-Stromzange ist ein Stromwandler: Der Leiter bildet die Primärwicklung, im Zangenkern sitzt die Sekundärwicklung. Sie funktioniert nur mit Wechselstrom.
  • Eine AC/DC-Stromzange misst das Magnetfeld mit einem Hall-Sensor und erfasst auch Gleichstrom. Vor der Messung stellst du sie mit der Zero-Taste auf null.
Stromzange um einen Einzelleiter und um ein ganzes Kabel
Um einen Einzelleiter gelegt zeigt die Zange den Strom an; um das ganze Kabel heben sich Hin- und Rückstrom auf, die Anzeige bleibt bei null.

Selbsttest

Welcher Wert steckt in der Angabe „230 V“ der Netzspannung?

Der Effektivwert; der Spitzenwert liegt bei etwa 325 V.

Warum zeigt ein einfaches Multimeter bei einem Rechtecksignal einen falschen Wert?

Es misst den Gleichrichtwert und rechnet mit dem Formfaktor 1,11 des Sinus um, der für ein Rechteck nicht gilt.

Warum zeigt eine Stromzange um ein ganzes Netzkabel null an?

Hin- und Rückstrom fließen gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung; ihre Magnetfelder heben sich auf.