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Supraleitung

Widerstand null unterhalb der Sprungtemperatur – wie Supraleitung entsteht, was der Meißner-Effekt ist und wo Supraleiter heute eingesetzt werden.

5 Min. LesezeitSupraleitungSprungtemperaturMeißner-Ochsenfeld-EffektCooper-Paare

Jeder normale Leiter hat einen Widerstand, auch Kupfer und Silber. Kühlt man aber bestimmte Stoffe unter eine materialtypische Temperatur ab, verschwindet ihr Widerstand plötzlich vollständig – nicht nur fast, sondern messbar exakt null. Ein einmal angeworfener Strom kreist in einem supraleitenden Ring dann jahrelang, ohne schwächer zu werden. Dieses Phänomen heißt Supraleitung; es ist ein makroskopisch sichtbarer Quanteneffekt.

Entdeckung und Sprungtemperatur

Heike Kamerlingh Onnes kühlte 1911 in Leiden Quecksilber mit flüssigem Helium ab. Bei etwa 4,2 K (−269 °C) fiel der Widerstand schlagartig unter die Messgrenze. Die Temperatur, bei der dieser Übergang stattfindet, heißt Sprungtemperatur oder kritische Temperatur Tc. Für die Entdeckung – damals ohne praktischen Nutzen, aber im Widerspruch zu den gängigen Vorstellungen vom Widerstand bei tiefen Temperaturen – erhielt Kamerlingh Onnes 1913 den Physik-Nobelpreis.

Widerstand über der Temperatur mit Sprung auf null bei der Sprungtemperatur
Unterhalb der Sprungtemperatur T_c fällt der Widerstand eines Supraleiters schlagartig auf null.

Oberhalb von Tc verhält sich das Material wie ein gewöhnlicher Leiter, oft sogar wie ein recht schlechter: Blei, Niob oder Quecksilber leiten bei Raumtemperatur deutlich schlechter als Kupfer. Kupfer, Silber und Gold werden dagegen überhaupt nicht supraleitend.

MaterialTcBemerkung
Quecksilber4,2 Kerster entdeckter Supraleiter
Niob9,2 Khöchstes Tc eines reinen Elements bei Normaldruck
Niob-Titan (NbTi)≈ 9–10 KStandarddraht für Magnete
Niob-Zinn (Nb₃Sn)≈ 18 Kfür sehr starke Felder
YBCO (YBa₂Cu₃O₇)≈ 92 KKeramik, mit flüssigem Stickstoff kühlbar
Leiter der Temperaturen von 1,9 K bis Raumtemperatur mit Sprungtemperaturen und Kühlmitteln
Wichtige Temperaturen der Supraleitung (nicht maßstäblich): Erst YBCO liegt über der Siedetemperatur von flüssigem Stickstoff.

Mehr als Widerstand null: der Meißner-Effekt

1933 entdeckten Walther Meißner und Robert Ochsenfeld, dass ein Supraleiter ein äußeres Magnetfeld aus seinem Inneren verdrängt. An der Oberfläche fließen dazu Abschirmströme, deren Feld das äußere Feld im Inneren genau aufhebt. Der Supraleiter ist damit ein idealer Diamagnet. Darauf beruht das bekannte Experiment, bei dem ein Magnet über einer gekühlten Supraleiterscheibe schwebt.

Magnetfeldlinien durchdringen eine Kugel oberhalb und umgehen sie unterhalb der Sprungtemperatur
Meißner-Ochsenfeld-Effekt: Unterhalb von T_c wird das Magnetfeld aus dem Supraleiter verdrängt.

Supraleitung bricht zusammen, wenn eine von drei Grenzen überschritten wird: die Sprungtemperatur Tc, die kritische Flussdichte Bc oder die kritische Stromdichte Jc. Technisch wichtige Supraleiter (Typ II) lassen ein starkes Feld teilweise in Form feiner Flussschläuche eindringen und bleiben trotzdem supraleitend – nur deshalb sind Magnete mit vielen Tesla möglich. Mehr zu den Feldgrößen findest du unter Magnetische Größen und Einheiten.

Wie Supraleitung entsteht

Die Erklärung für klassische Supraleiter lieferten Bardeen, Cooper und Schrieffer 1957 (BCS-Theorie). Vereinfacht: Ein Elektron verformt beim Durchqueren das Atomgitter leicht, und diese Verformung zieht ein zweites Elektron an. So bilden sich Cooper-Paare aus zwei Elektronen mit entgegengesetztem Spin. Diese Paare verhalten sich nicht mehr wie einzelne Elektronen, die sich nach dem Pauli-Prinzip aus dem Weg gehen müssen, sondern können alle denselben quantenmechanischen Zustand einnehmen. Sie bewegen sich gemeinsam durch das Gitter, ohne einzeln gestreut zu werden – und ohne Streuung gibt es keinen Widerstand. Hintergründe dazu stehen unter Quantenphysik für Elektroniker.

Zwei Elektronen mit entgegengesetztem Spin, verbunden über eine Verformung des Ionengitters
Cooper-Paar: Das erste Elektron zieht die Gitterionen leicht zusammen, die entstehende positive Zone zieht das zweite Elektron an.

1986 fanden Georg Bednorz und Alex Müller bei IBM Zürich keramische Kupferoxide, die schon bei rund 35 K (etwa −238 °C) supraleitend wurden – damals ein Rekord. Schon 1987 bekamen die beiden dafür den Nobelpreis. Im selben Jahr überschritt YBCO die 77 K des flüssigen Stickstoffs – ein großer praktischer Schritt, denn Stickstoff ist billig und einfach zu handhaben. Warum diese Hochtemperatur-Supraleiter funktionieren, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Ein Supraleiter bei Raumtemperatur und Normaldruck ist trotz wiederkehrender Meldungen bisher nicht bestätigt.

Technisch haben die Keramiken einen Haken: Sie sind spröde und lassen sich nicht wie Kupfer zu Draht ziehen. Für Kabel trägt man das supraleitende Material deshalb als dünne Schicht auf flexible Metallbänder auf und wickelt diese Bänder um einen hohlen Kern, durch den flüssiger Stickstoff strömt.

Querschnitt eines Hochtemperatur-Supraleiterkabels mit Stickstoffkanal, Bändern und Kryostat
Supraleitendes Kabel: Flüssiger Stickstoff im Kern kühlt die Bänder, ein vakuumisolierter Kryostat hält die Wärme fern.

Anwendungen

  • Magnetresonanztomografie (MRT): Die Spulen aus NbTi-Draht erzeugen 1,5 bis 3 T und mehr. Einmal geladen, läuft der Strom im Dauerbetrieb ohne Netzteil weiter; nur das flüssige Helium muss gekühlt werden.
  • Teilchenbeschleuniger: Der LHC am CERN lenkt die Teilchen mit über 1200 supraleitenden Dipolmagneten bei 1,9 K.
  • SQUIDs: supraleitende Ringe mit Josephson-Kontakten, die winzigste Magnetfelder messen – etwa die Felder der Gehirnströme.
  • Quantencomputer: Viele Qubits sind supraleitende Schaltkreise bei wenigen Millikelvin, siehe Quantentechnik.
  • Magnetschwebebahnen: Supraleitende Spulen im Fahrzeug erzeugen starke Felder zum Schweben und Antreiben, so beim japanischen SCMaglev.
  • Energietechnik: Supraleitende Kabel und Strombegrenzer wurden in Pilotprojekten erprobt – etwa ein 1 km langes Mittelspannungskabel in Essen (AmpaCity).

Selbsttest

Was passiert mit dem Widerstand eines Supraleiters unterhalb der Sprungtemperatur?

Er fällt schlagartig auf exakt null.

Was besagt der Meißner-Ochsenfeld-Effekt?

Ein Supraleiter verdrängt ein äußeres Magnetfeld aus seinem Inneren.

Warum war die Entdeckung von YBCO technisch so wichtig?

Mit rund 92 K Sprungtemperatur lässt es sich mit billigem flüssigem Stickstoff (77 K) statt mit Helium kühlen.