Im Datenblatt eines Operationsverstärkers, eines Lautsprechers oder eines Schaltreglers findest du fast immer ein Diagramm mit einer logarithmischen Frequenzachse und Kurven, die über viele Dekaden abfallen. Das ist ein Bode-Diagramm, benannt nach dem Ingenieur Hendrik Wade Bode. Es zeigt auf einen Blick, wie eine Schaltung mit verschiedenen Frequenzen umgeht: welche sie durchlässt, welche sie dämpft und wie stark sie das Signal dabei verschiebt. Das Schöne daran: Mit ein paar geraden Linien kannst du es für einfache Schaltungen von Hand skizzieren.
Was der Frequenzgang beschreibt
Schickst du einen Sinus mit der Frequenz f in eine lineare Schaltung – einen Filter, einen Verstärker, eine Leitung –, kommt am Ausgang ein Sinus mit derselben Frequenz heraus. Verändert haben sich nur zwei Dinge: die Amplitude und die Phasenlage. Das Verhältnis von Ausgangs- zu Eingangsgröße in Abhängigkeit von der Frequenz heißt Frequenzgang. In komplexer Schreibweise fasst man beides in einer Größe zusammen:
Der Betrag |H| sagt, wie stark das Signal verstärkt oder gedämpft wird, der Winkel φ, wie weit es verschoben ist. Beide trägt das Bode-Diagramm in zwei übereinanderliegenden Teilen auf, mit derselben Frequenzachse:
- Der Amplitudengang zeigt |H| in Dezibel: |H|dB = 20 · log10 |H|.
- Der Phasengang zeigt φ in Grad.
Warum logarithmische Achsen
Die Frequenzachse ist logarithmisch geteilt: Der Abstand von 10 Hz nach 100 Hz ist genauso groß wie von 1 kHz nach 10 kHz. Eine solche Verzehnfachung heißt Dekade, eine Verdopplung Oktave. So passen sechs oder mehr Dekaden übersichtlich auf ein Blatt, und jede bekommt gleich viel Platz – bei linearer Teilung wäre alles unter 1 kHz auf einen Strich zusammengedrückt.
Auch die Dezibel-Skala des Amplitudengangs ist logarithmisch. Das hat zwei große Vorteile:
- Ketten werden zu Summen. Schaltest du Stufen hintereinander, multiplizieren sich ihre Verstärkungen. In Dezibel addierst du einfach die Kurven. Ein Verstärker mit +40 dB gefolgt von einem Filter, das an einer Stelle −10 dB hat, ergibt dort +30 dB.
- Potenzgesetze werden zu Geraden. Ein Verlauf, der mit 1 / f abfällt, ist im Bode-Diagramm eine gerade Linie mit −20 dB pro Dekade. Deshalb lassen sich Frequenzgänge so gut mit Geraden annähern.
Zur Orientierung: 0 dB bedeutet Faktor 1, −3 dB rund 0,707, −6 dB rund 0,5, −20 dB genau 0,1 und +40 dB den Faktor 100. Mehr dazu unter Verstärkung und Dämpfung.
Asymptoten: Bode-Diagramme von Hand
Das Bode-Diagramm eines RC-Tiefpasses besteht in guter Näherung aus zwei Geraden, den Asymptoten:
- Unterhalb der Grenzfrequenz fg liegt der Amplitudengang waagerecht bei 0 dB.
- Oberhalb fällt er mit −20 dB pro Dekade (entspricht etwa −6 dB pro Oktave).
Beide Geraden treffen sich an der Grenzfrequenz, die deshalb auch Eckfrequenz heißt. Die echte Kurve verläuft dort 3 dB unterhalb des Knicks, eine Oktave daneben ist sie rund 1 dB unter den Asymptoten, und weiter weg schmiegt sie sich praktisch an sie an.
Für den Phasengang gibt es eine ähnliche Näherung: 0° bis zu einem Zehntel der Grenzfrequenz, dann eine Gerade mit −45° pro Dekade, die bei fg durch −45° geht und beim Zehnfachen von fg die −90° erreicht. Der größte Fehler dieser Näherung liegt bei knapp 6°.
| Frequenz | exakter Betrag | Asymptote | exakte Phase |
|---|---|---|---|
| 100 Hz | −0,04 dB | 0 dB | −5,7° |
| 500 Hz | −0,97 dB | 0 dB | −26,6° |
| 1 kHz | −3,01 dB | 0 dB | −45° |
| 2 kHz | −6,99 dB | −6,02 dB | −63,4° |
| 10 kHz | −20,04 dB | −20 dB | −84,3° |
| 50 kHz | −33,98 dB | −33,98 dB | −88,9° |
Bei 50 kHz liefert die Asymptote −20 dB · log10(50) ≈ −34 dB – genauer geht es mit dem Taschenrechner auch nicht.
Beim Hochpass ist alles gespiegelt: Unterhalb von fg steigt der Amplitudengang mit +20 dB pro Dekade, oberhalb liegt er bei 0 dB. Die Phase läuft von +90° auf 0°.
Höhere Ordnungen
Schaltest du zwei entkoppelte Tiefpässe mit gleicher Grenzfrequenz hintereinander, addieren sich ihre Bode-Diagramme: Oberhalb von fg fällt der Amplitudengang mit −40 dB pro Dekade, an der Eckfrequenz liegt er bei −6 dB, und die Phase dreht bis auf −180°. Jede weitere Stufe – jede „Ordnung“ – bringt zusätzliche 20 dB pro Dekade und 90° Phasendrehung. Liegen die Grenzfrequenzen auseinander, knickt der Amplitudengang an jeder Eckfrequenz um weitere 20 dB pro Dekade ab.
Filter zweiter Ordnung aus Spule und Kondensator können an der Eckfrequenz auch eine Überhöhung zeigen – das ist die Resonanz eines Schwingkreises. Wie hoch der Buckel ausfällt, hängt von der Güte ab.
Bandbreite
Die Bandbreite einer Schaltung ist der Frequenzbereich, in dem der Amplitudengang um nicht mehr als 3 dB unter seinen Höchstwert fällt. Bei einem Tiefpass oder einem Gleichspannungsverstärker reicht sie von 0 bis zur oberen Grenzfrequenz fo. Bei einem Bandpass, etwa einem Audioverstärker mit Koppelkondensatoren, gibt es eine untere Grenzfrequenz fu und eine obere fo:
Verstärkung gegen Bandbreite
Besonders nützlich ist das Bode-Diagramm bei Operationsverstärkern. Ihre Leerlaufverstärkung ist riesig, fällt aber schon ab wenigen Hertz mit −20 dB pro Dekade, bis sie bei der Transitfrequenz 0 dB erreicht. Auf dieser Geraden ist das Produkt aus Verstärkung und Frequenz konstant – das Verstärkungs-Bandbreite-Produkt (GBW, Gain Bandwidth Product).
Bode-Diagramme messen und nutzen
Messen kannst du einen Frequenzgang punktweise mit Funktionsgenerator und Oszilloskop: Frequenz einstellen, Amplituden und Zeitversatz ablesen, umrechnen, nächste Frequenz. Viele moderne Oszilloskope haben dafür eine eingebaute Bode-Plot-Funktion, die einen Sinus durchstimmt und das Diagramm automatisch zeichnet. Für hohe Frequenzen gibt es Netzwerkanalysatoren.
Selbsttest
Was zeigen die beiden Teile eines Bode-Diagramms?
Oben den Amplitudengang (Betrag in dB), unten den Phasengang (Winkel in Grad), beide über einer logarithmischen Frequenzachse.
Mit welcher Steigung fällt ein Tiefpass erster Ordnung oberhalb der Grenzfrequenz ab?
Mit −20 dB pro Dekade, also etwa −6 dB pro Oktave.
Ein Tiefpass hat fg = 5 kHz. Welche Dämpfung liefert die Asymptote bei 500 kHz?
Zwei Dekaden über fg, also −40 dB.
Wie viel Grad Phasenverschiebung hat ein Tiefpass erster Ordnung bei seiner Grenzfrequenz?
−45°.
Ein Operationsverstärker hat ein GBW von 10 MHz und ist auf Verstärkung 50 beschaltet. Wie groß ist die Bandbreite?
10 MHz / 50 = 200 kHz.