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Kapazitiver Blindwiderstand

Wie ein Kondensator Wechselstrom durchlässt, warum sein Widerstand mit der Frequenz sinkt und warum der Strom der Spannung um 90° vorauseilt.

5 Min. LesezeitKondensatorkapazitiver BlindwiderstandKapazitätPhasenverschiebung

Im Gleichstromkreis lädt sich ein Kondensator einmal auf, danach fließt kein Strom mehr. Bei Wechselspannung ist das anders: Der Kondensator wird ständig umgeladen, und in den Zuleitungen fließt ein dauerhafter Wechselstrom. Wie groß dieser Strom ist, beschreibt der kapazitive Blindwiderstand XC. Er hängt von Kapazität und Frequenz ab und macht den Kondensator zum vielseitigsten Bauteil für Filter, Kopplung und Entstörung.

Wechselspannungsquelle mit einem Kondensator C im Stromkreis
Ein Kondensator an Wechselspannung: Er wird ständig umgeladen, in den Zuleitungen fließt der Wechselstrom i.

Warum ein Kondensator Wechselstrom „leitet“

Durch das Dielektrikum zwischen den Platten fließen keine Ladungsträger. Aber jede Spannungsänderung verschiebt Ladung: Steigt die Spannung, fließt Ladung auf die eine Platte und von der anderen ab. Der Strom in der Zuleitung ist proportional dazu, wie schnell sich die Spannung ändert:

i = C · dudt

Je größer die Kapazität und je schneller die Spannung wechselt, desto mehr Ladung muss pro Zeit bewegt werden – desto größer ist der Strom. Für eine Sinusspannung ergibt sich daraus der Blindwiderstand:

XC = 1ω · C = 12π · f · C

Die Einheit ist Ohm. Mit dem Effektivwert von Spannung und Strom rechnest du wie mit dem Ohmschen Gesetz: I = U / XC bzw. XC = U / I. In der komplexen Schreibweise ist der Widerstand des idealen Kondensators rein imaginär, ZC = 1 / (j · ω · C) (siehe Impedanz).

Blindwiderstand eines Kondensators über der Frequenz
Der kapazitive Blindwiderstand fällt mit steigender Frequenz – doppelte Frequenz, halber Widerstand.

Rechenbeispiele

Der Strom eilt voraus

Den größten Strom gibt es dort, wo sich die Spannung am schnellsten ändert – beim Nulldurchgang der Spannung. Wenn die Spannung ihr Maximum erreicht, ändert sie sich kurz gar nicht, und der Strom ist null. Der Strom erreicht seine Maxima also eine Viertelperiode früher als die Spannung: Am idealen Kondensator eilt der Strom der Spannung um 90° voraus – gleichbedeutend: Die Spannung eilt dem Strom um 90° nach, φ = −90° (Spannung gegenüber Strom). Die Kurvenform ändert sich nicht: Aus einer Sinusspannung wird ein Sinusstrom.

Spannung und Strom an einem Kondensator; der Strom eilt um 90° vor
Am Kondensator erreicht der Strom i jedes Maximum eine Viertelperiode vor der Spannung u.

Eine Eselsbrücke: „Beim Kondensator eilt der Strom vor.“ Das Gegenstück ist die Spule, bei der er nacheilt – siehe induktiver Blindwiderstand.

Zeigerdiagramm: Stromzeiger I steht 90° vor dem Spannungszeiger U
Zeigerdiagramm am Kondensator: Bei Drehung gegen den Uhrzeigersinn läuft der Stromzeiger I dem Spannungszeiger U um 90° voraus.

Wegen dieser Verschiebung nimmt ein idealer Kondensator im Mittel keine Leistung auf: In einer Viertelperiode lädt er sich auf und speichert Energie, in der nächsten gibt er sie ans Netz zurück. Das ist Blindleistung – sie belastet Leitungen, wird aber nicht in Wärme umgesetzt.

Wo du den kapazitiven Blindwiderstand nutzt

  • Abblockkondensatoren: Ein 100-nF-Kondensator direkt an den Versorgungspins eines ICs hat für hochfrequente Störungen einen sehr kleinen Blindwiderstand und schließt sie kurz, während die Gleichspannung unberührt bleibt.
  • Koppelkondensatoren: Zwischen zwei Verstärkerstufen lassen sie das Signal durch und sperren den Gleichanteil.
  • Filter: Zusammen mit einem Widerstand entsteht ein RC-Tiefpass oder -Hochpass. Die Grenzfrequenz liegt dort, wo XC = R ist: fg = 1 / (2π · R · C). Wie R und X zusammenwirken, erklärt der Artikel zur Impedanz.
IC zwischen +5 V und 0 V, daneben ein 100-nF-Kondensator, über den Störungen nach Masse abfließen
Abblockkondensator: Die 100 nF neben dem IC schließen hochfrequente Störungen auf der Versorgung kurz, bevor sie das IC erreichen.

Kapazität steckt übrigens nicht nur in Kondensatoren: Je zwei voneinander isolierte Leiter bilden eine, etwa benachbarte Leiterbahnen, die Adern eines Kabels oder die Kontakte eines Steckers. Ihr Blindwiderstand ist bei niedrigen Frequenzen riesig, bei Hochfrequenz und schnellen Flanken aber klein genug, um Signale zu verkoppeln.

Reale Kondensatoren haben zusätzlich einen Serienwiderstand (ESR) und eine Serieninduktivität (ESL). Oberhalb ihrer Eigenresonanz verhalten sie sich wie eine Spule – ein kleines Keramik-SMD-Bauteil bleibt deshalb bis zu viel höheren Frequenzen wirksam als ein großer Elko.

Ersatzschaltbild eines realen Kondensators: ESR, ESL und C in Reihe
Ersatzschaltbild eines realen Kondensators: Serienwiderstand ESR und Serieninduktivität ESL liegen in Reihe zur Kapazität C.

Selbsttest

Wie ändert sich XC, wenn du die Frequenz verdreifachst?

Er sinkt auf ein Drittel.

Wie groß ist der Blindwiderstand von 1 µF bei 1 kHz?

XC = 1 / (2π · 1000 Hz · 1 µF) ≈ 159 Ω.

Eilt beim Kondensator der Strom oder die Spannung vor?

Der Strom – um 90° gegenüber der Spannung.